Die Heilkraft des Fastens

Der vorübergehende Verzicht auf Essen und Trinken hat eine lange kulturelle Tradition. Seit tausenden von Jahren wissen die Menschen um die positiven Auswirkungen des Fastens. So verzichteten die Naturvölker tagelang auf Nahrung, bevor sie auf die Jagd gingen. Dadurch erlebten sie etwas, das eigentlich paradox ist – Gewinn durch Verzicht: Denn sie verfügten nach dem Fasten über mehr Energie und Ausdauer.

Klostermedizin und Fastenwandern

Heilsames Fasten

Auch die Antike griechische Medizin hat sich ausführlich mit den heilsamen Effekten des Fastens auseinandergesetzt. Ihre Erkenntnisse wurden im Mittelalter in den Klöstern von gelehrten Ordensleuten, die damals sowohl Seelsorger als auch Ärzte waren, in Theorie und Praxis weiterentwickelt. Sie sahen Verzicht auf Nahrung sowohl als Methode zur Behandlung von Krankheiten wie auch als vorbeugende Maßnahme zu Erhaltung der körperlichen und geistigen Gesundheit an.

Das Fasten ist eine der tragenden Säulen der Klosterheilkunde. Von den wertvollen Erfahrungen, die Mönche und Nonnen seit mehr als 1500 Jahren auf diesem Gebiet gesammelt haben, können die Menschen deshalb heute immer nach profitieren. Die Grundlage der mittelalterlichen Klosterheilkunde stellte die Lehre von den Temperamenten aus der vier-Säfte-Lehre dar, die bis ins 19. Jahrhundert hinein allgemein gültig war.

Die kundigen Ordensleute gingen davon aus, dass die einzelnen Körpertypen unterschiedlich auf Belastungen und Heilkräfte des Fasten reagieren. Das moderne Fastenprogramm nach den Erkenntnissen der Klosterheilkunde wird diesen verschiedenen Bedürfnissen gerecht, indem es auf die Temperamentenlehre abgestimmte Varianten anbietet. Tees werden beispielsweise aus den Kräutern zusammengestellt, die dem jeweiligen Typus besonders zuträglich sind und den Stoffwechsel optimal anregen. Viel Flüssigkeit zu sich nehmen ist eine der Säulen des klösterlichen Fastenprogrammes. Zusätzlich zu den verschiedenen Kräutertees über den Tag sechs bis sieben Tassen, soll man mindestens 1,5 Liter Wasser trinken. Das ist wichtig, um den Körper bei der Ausscheidung von Giftstoffen zu unterstützen. Außerdem können dadurch auftretende Hungergefühle unterdrückt werden.

Ganzheitliches Konzept

Als ganzheitliches Konzept bezieht die Klosterheilkunde alle Aspekte des Lebens in die Fastenkur mit ein. So gehört körperliche Betätigung an der frischen Luft zu den festen Bestandteilen des Programmes. Lange Spaziergänge fördern nicht nur die Lungenfunktion, sondern sind auch ideal für den Säure-Basen-Haushalt des Körpers, der bei unserer modernen Fehlernährung oft im viel zu sauren Bereich liegt. Genauso wichtig sind ausgiebige Phasen der Entspannung, in denen man meditiert, Atemübungen macht, Musik hört – oder liest.  Denn schon Benedikt von Nursia (480 – 547), der im Jahr 529 in Monte Cassino das erste Benediktinerkloster gründete, empfahl  seinen Mitbrüdern, während des Fastens wenigstens ein Buch zu lesen und sich in der frischen Luft zu bewegen.

Fastentagebuch führen

Für die Ordensbrüder und Ordensschwestern bot diese Zeit außerdem die Gelegenheit, sich auf die wichtigen Dinge des Lebens zu konzentrieren. Wer nach der Klosterheilkunde fastet, erhält daher den Rat, ein Tagebuch zu führen. Darin sollte man nicht nur jeden Abend eine klein Bilanz ziehen, sondern auch alle Gedanken und Gefühle niederschreiben. Den Kopf frei zu bekommen – das ist abgesehen von der Gewichtsabnahme nur einer der positiven Nebeneffekte.

Die Heilkräfte des Fastens beeinflussen die Organe auf vielfältige Weise. So beginnt der sonst durch die Nahrung gedehnte Magen, sich auf seine natürliche Größe zu verkleinern. Dadurch wird er wieder leistungsfähiger und die Schleimhaut kann sich regenerieren. Beim Fasten verbessert sich darüber hinaus die Qualität des Blutes, Fettablagerungen um Herz und Gefäße werden abgebaut. Der Kreislauf wird stabiler und der Organismus insgesamt belastbarer. Da mehr als zwei Drittel der Immunzellen des Körpers im Darmbereich angesiedelt sind, werden auch die Abwehrkräfte durch das Fastens nachhaltig gestärkt.

Erstaunlicherweise ist man nach dem Fasten weniger stressanfällig. Beim Fasten hat der Organismus gemerkt, dass Stresssymptome wie das Absinken des Blutzuckerspiegels nicht lebensbedrohlich sind. In der Folge wird die Produktion von Adrenalin und Cortisol reduziert- man ist künftig mehr gegen den Stress gefeit.